Hypnose: Die Königin, die baden ging

Angst, Sucht, Schmerzen - bei bestimmten Beschwerden kann eine Methode helfen, die lange Zeit als Humbug galt: Hypnose. Ein Treffen mit dem Hypnotherapeuten Ortwin Meiss.

 

Es gibt Geschichten, die wie Betäubungsspritzen wirken. Zum Beispiel bei der jungen Frau mit der Zahnarztphobie. Sie saß schon im Behandlungsstuhl, über ihr das grelle Licht, da sagte ihr Hypnotherapeut: Montagmorgens kommt immer die Putzfrau, sie klingelt, und ich mache die Tür auf. Brav öffnete die junge Frau den Mund. Als der Bohrer zu dröhnen begann, stellte die Putzfrau in der Geschichte den Staubsauger an. Die Stimme aber zog die Patientin fort: Und wie ich im Flur stehe, da höre ich das Geräusch immer noch, raunte es an ihrem Ohr, und das nervt, das nervt so. Da sage ich mir: Du kannst gehen! Und ich verlasse die Wohnung, gehe nach draußen, ziehe die Tür einfach hinter mir zu...

 

Dieser beruhigende Singsang mit Sätzen wie Schlaufen soll den Zuhörer aus der Realität in eine Trance ziehen. Die Patientin etwa sei der Erzählung bis in einen Park gefolgt, wo die Sonne hell schien, so grell wie die Lampe des Zahnarztes. Ihre Behandlung ertrug sie derweil stoisch.

Das Klischee von Pendeln und Fernsehshows

 

Es ist eine der Fallgeschichten, die Ortwin Meiss gern erzählt. Meiss ist Psychotherapeut und Hypnotherapeut in Hamburg. Ein höflicher Mann mit kurzem grauen Haar und ruhigen Bewegungen, an dem alles unaufdringlich ist, bis auf die Stimme. Sie ist sonor und ruhig, sie ist, vor allem, eindringlich. Mit ihr spricht Meiss zu seinen Patienten, zu Ärzten, die sich von ihm fortbilden lassen, und auf Kongressen, auf denen er erklärt, was das sei: Hypnose.

 

Oft hat er dabei mit Leuten zu tun, die Hypnose immer noch für ein Ammenmärchen halten, die an Pendel und Fernsehshows denken, in denen Menschen gegen ihren Willen alberne Dinge tun. Tatsächlich aber bezeichnet man als Hypnose das Erreichen eines tranceartigen Zustands durch Suggestion.

 

Misst man mit einem bildgebenden Verfahren die Aktivitäten im Gehirn während so einer Trance, sieht man Folgendes: Die Aktivität ist jeweils in einem bestimmten Bereich des Gehirns extrem hoch, in anderen Bereichen extrem heruntergefahren. Diese sind dann sozusagen aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

 

Fast alle Menschen kennen den Zustand der Trance

 

Konzentration, Meditation, Flow - das alles sind Begriffe für diesen Zustand. Die meisten Menschen kennen ihn. Sportliche Höchstleistungen etwa geschehen oft in einer Art Rausch. Wer tanzt, kann in eine Trance geraten, wer Yoga-Übungen macht, wer liest, wer konzentriert arbeitet, wer in einen Unfall gerät und unter Schock agiert. "Die Fähigkeit zur Trance ist in unserer Biologie angelegt", erklärt Meiss.

 

Hypnosetherapie: In Trance kann die Aufmerksamkeit weggelenkt werdenZur Großansicht

Lars Borges/ DER SPIEGEL

Hypnosetherapie: In Trance kann die Aufmerksamkeit weggelenkt werden

Obwohl fast alle Menschen den spontanen Zustand der Trance kennen, können ihn die meisten nicht absichtlich herbeiführen. Meiss: "Der Körper wird als nicht zu kontrollierende Umwelt gesehen."

Für den Gegenbeweis vor Zuhörern führt der Therapeut oft ein kurzes Experiment durch. Wenn er etwa in einem Hörsaal voll skeptischer Medizinstudenten steht, lässt er die eine Hälfte des Raumes an etwas Angenehmes denken und die andere an etwas Aufwühlendes. Dann lässt er sie ihren Herzschlag spüren. Der Herzrhythmus der einen Gruppe hat sich dann meist verlangsamt, der der anderen dagegen beschleunigt. So könne der Körper eben doch teilweise kontrolliert werden. Vereinfacht gesagt sollen Meiss' Patienten ihre Fähigkeiten kennenlernen, den eigenen Körper zu kontrollieren.

 

Hypnose als Therapie ist mittlerweile anerkannt

 

Der Hamburger hat sich schon während seines Studiums für Hypnose zu interessieren begonnen und mit Gleichgesinnten eine Gruppe gegründet. Sie haben Redner und Experten aus den USA eingeladen. Heute leitet Meiss das Milton Erickson Institut in der Hansestadt. Erickson war Begründer einer modernen Form der Hypnotherapie, in der es um eine Kommunikationsform auf Augenhöhe zwischen Patient und Arzt geht.

 

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat 2006 Hypnotherapie bei bestimmten Krankheiten als Behandlungsmethode für Erwachsene anerkannt, und zwar - wie es in dem Gutachten heißt - bei psychosomatischen Krankheiten sowie bei Abhängigkeit und Missbrauch von Nikotin oder Methadon. Auch die Wirksamkeit bei akuten Schmerzgeschehen - etwa während einer Geburt oder beim Zahnarzt - gilt als gut belegt. Psychologen, aber auch Ärzte, bieten überall in Deutschland Hypnose als unterstützende Therapie an.

 

Meiss behandelt damit Sportler, denen keine Höchstleistungen mehr gelingen, Manager, die unter Druck stehen, Patienten mit Schmerzen oder psychosomatischen Beschwerden.

 

Quelle: Bericht von Maren Keller in Spiegel Online Gesundheit

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